Etappe 4 : Laon - Paris

Laon - Paris: Die letzte Herausforderung für den Tourenradler. Schon kurz nach Verlassen von Laon wage ich es, auf die N2 in Richtung Paris zu rollen. Bis Soissons klappt das auch ganz gut, obwohl mir bei dem Gedanken, dass mich ein Kraftfahrer übersehen könnte, schon etwas mulmig wird. Die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen dem motorisierten Verkehr und mir beträgt immerhin ca. 50 bis 70 km/h. Da aber auf diesem Abschnitt in der Zeit von 9 bis 11 Uhr nicht ganz so viel Verkehr fließt und die Fahrbahnen breit sind, können die "Motorisierten" mich in gebührendem Abstand überholen. In Soissons angekommen, muss ich schon meinen Getränkevorrat ergänzen. Die Temperatur liegt bei etwa 27 °C mit steigender Tendenz. Ab Soissons ist die N2 eine Autostraße, was ich jedoch mangels Beschilderung an der Auffahrt zunächst nicht erkennen kann. Da mir der Mittelstreifen jedoch zu denken gibt und der Verkehr plötzlich sehr stark und sehr schnell ist, fahre ich an der nächsten Ausfahrt raus und bemerke dort das "hässliche blaue Schild mit dem weißen Auto". So komme ich gezwungenermaßen in das Zentrum von Soisson und beschließe, die Mittagspause vorzuziehen.
 

Soissons, Zentrum mit Dom  Soissons, Seitenansicht des Doms

Anschließend finde ich wieder die N2 in Richtung Paris, und auch hier ist sie nicht offensichtlich als Autostraße gekennzeichnet. Da die N2 die direkte Verbindung zwischen Soissons und Paris ist und ich knapp mit der Zeit bin, beisse ich in den sauren Apfel und fahre nach dem Kauf einer Detailkarte der Umgebung dort wieder auf.
 

Nach einigen Kilometern "Highway" taucht plötzlich eine pittoreske Windmühle in der Nähe der Straße auf. Ein willkommener Schattenspender, wenn man längere Zeit der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt war. Ich biege also rechts in die nächste Nebenstraße ab (der Beweis, dass ich nicht auf einer "Autoroute", sprich Autobahn unterwegs war) und setze mich ein wenig in den Schatten. Nach kurzer Rast geht es wieder auf die "fahrbare Sonnenliege". Erst bei Gondreville will man mich von der N2 mit dem üblichen blau-weißen Schild verbannen, allerdings kommt das Schild auch hier wieder reichlich spät. Zähneknirschend wende ich schon fast auf der Autobahn und muss nach Gondreville zurückfahren. Dort notiere ich mir die Namen der kleinen Ortschaften, über die ich auf einer Nebenstrecke nach Meaux fahren will. Auf diese Weise kann ich die Autobahn vollständig umfahren und wieder die Landschaft in Ruhe genießen. Dank meiner Etappenliste geht es recht zügig voran und die himmlische Ruhe auf den kleinen Landstraßen gibt mir psychologischen Antrieb, den ich quasi direkt in Vortrieb umsetze. Da die Sonne erbarmungslos vom Himmel brennt, muss ich regelmäßige "Tankstops" einlegen. Alleen sind hier ziemlich selten und als ich auf eine treffe, stehen dort die Bäume nicht dicht genug zusammen, um wirksam Schatten zu spenden. An Meaux geht es vorbei in Richtung Lagny-sur-Marne. Von dort aus fahre ich auf den nächsten Paris-Trabanten, Torcy zu. Weiter geht es über Marne-la-vallée und Noisy-le-Grand nach Nogent-sur-Marne. In Marne-la-vallée frage ich einen Franzosen afrikanischer Abstammung nach dem Weg. Auf seine Frage, woher ich komme, antworte ich ihm: "Je vais d'Allemagne et je veux aller à Paris." (Ich komme aus Deutschland und will nach Paris fahren). Daraufhin fragt er mich lächelnd "Tu es malade?" (Bist Du krank?), worauf ich lachen muss und mir leider die (französischen) Worte für eine passende Antwort fehlen.

In den Vororten ist Paris nicht besonders gut ausgeschildert und wenn man dann doch ein Schild findet, verweist dieses auf die Stadtautobahn. Nach diversen Rückfragen bei verschiedenen Passanten schaffe ich es von Nogent-sur-Marne über Charenton-le-Pont am Bois-de-Vincennes vorbei ins Stadtzentrum von Paris vorzustoßen. Als ich den Gare de Lyon erkenne, kann ich endlich mit Hilfe meines Stadtplans eine genaue Positionsbestimmung vornehmen. Ich muss über den Pont d'Austerlitz und mich dann über den Place d'Italie zum Boulevard Jourdan "durchschlagen" (das ist wohl die treffende Beschreibung für das Fortkommen im Pariser Verkehrsgetümmel). Irgendwie verpasse ich aber die Straße, die zum Pont d'Austerlitz führt und lande auf dem Place de la Bastille, der dem bisher erlebten Verkehrschaos so zu sagen die Krone aufsetzt: In drei bis vier Spuren schlängeln sich PKW um die Säule im Zentrum des Platzes. Darum herum schlagen sich noch diverse Zweiradfahrer um eine freie Durchfahrt. Getreu dem Motto "Augen zu und durch" trete ich kraftvoll in die Pedale und zeige keine Furcht vor der Blechlawine. Erstaunlicherweise komme ich heil in den Kreisverkehr hinein und halte an einer ruhigen Stelle am Boulevard Richard Lenoir, wo ich wieder meinen Stadtplan zücke und schaue, wo ich den Kreisverkehr am besten verlasse, um zur nächstgelegenen Seine-Brücke zu gelangen.

Ein junger, überaus freundlicher, etwas übereifriger Franzose versucht, mir dabei zu helfen. Da er jedoch annimmt, ich sei des Französischen mächtig, spult er seine Erklärungen in einem Tempo ab, dem ich nicht immer ganz folgen kann. Schließlich bedanke ich mich höflich bei ihm und suche mir den, wie ich meine, richtigen Weg mit Hilfe seiner Erläuterungen und meinem Richtungssinn. Zu meiner Überraschung finde ich über den Boulevard Henri IV den Pont de Sully, der mich über die Seine in Richtung Cité d'Université führt, wo ich meinen ex-Dortmunder Liegeradkollegen Andreas besuchen möchte. Von dort halte ich mich links und erreiche über den Quai Saint Bernard den Place Valhubert und fahre über den Boulevard de l'Hôpital zum Place d'Italie. Von dort aus nehme ich die Avenue d'Italie, die in den Boulevard Kellermann übergeht, der wiederum in den Boulevard Jourdan übergeht. Dieser führt mich schließlich zur Rue Nansouty, in der ich endlich mein letztes Etappenziel nach anstrengenden 180 Kilometern (insgesamt ca. 540 km von Aachen aus) erreiche.

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© 11.02.2001  Carsten Kompa  carsten.kompa@witten.org