Etappe 2 : Huy - Revin

Für diesen Tag habe ich mir vorgenommen, bis nach Revin in Frankreich zu kommen. Hierzu sind ca. 120 km an der Maas entlang zurück zu legen, was auf Grund der nicht bzw. kaum vorhandenen Steigungen kein Problem darstellen sollte. Nach kurzer Zeit geht mir das "Geklapper" des Leertrums auf die Nerven und ich fixiere es mit einem Kabelbinder: Es gibt ja (bis auf Regen) nichts schlimmeres, als ständige, nervtötende Geräusche, wenn man den ganzen Tag lang radelt. Als nächstes fällt mir auf, dass die Mühle heute nicht so richtig in Fahrt kommen will: Der Luftdruck im Hinterrad ist für die Gepäckbelastung anscheinend nicht ausreichend. Daher steuere ich die nächste Tankstelle an, um Luft zu tanken. Und wie durch ein Wunder rolle ich jetzt nicht mehr mit schlappen 22 bis 25 km/h sondern mit hurtigen 27 bis 30 km/h dahin. Die Stadt Andenne fliegt förmlich vorbei und bald darauf komme ich nach Namur. Ich kaufe mal wieder Getränke und schaue mir meinen "Etappenführer" an, ein kleines Zettelchen, auf dem ich alle Orte der jeweiligen Etappe notiert habe, um nicht an jeder Abbiegung die monströse Generalkarte Belgien/Luxemburg entfalten zu müssen. Da ich im Flusstal bleibe, gestaltet sich die Wegsuche aber recht einfach. Weiter geht es also nach Dinant. Die Flusslandschaft ist recht beschaulich und erinnert mich manchmal an das Ruhrtal zwischen Witten und Essen. Nur ist die Maas hier schon deutlich breiter als die Ruhr und die Höhenzüge sind um einiges höher als die "Ruhrberge". Kurz vor Dinant überhole ich zwei Rennradler, die eher gemütlich fahren: Vater und Tochter auf Trainingsfahrt. Kurz nachdem ich die beiden überholt habe, schließen sie zu mir auf und das Mädchen nutzt meinen bescheidenen Windschatten. Offensichtlich wollen sie sich als "Rennfahrer" nicht die Blöße geben, von einem "vélo couchette" (ich vermute, dass das die französische/valonische Bezeichnung für mein Gefährt ist) bzw. "ligfiets" (niederländische/flämische Bezeichnung für Liegerad) mit vollem Gepäck überholt zu werden. Ich nehme es gelassen hin, Zugpferd zu spielen, und bringe die beiden "Pirellis" ganz schön zum Schwitzen. In Dinant trennen sich unsere Wege und ich falle wieder in den Touren-Trott zurück. So eine kleine sportliche Einlage gibt einer Radreise ein wenig Abwechslung. Nun mutiere ich vom Sportler zum Touristen und schieße ein paar Fotos.
 

Auch in Dinant thront ein Fort über der Stadt  Wassertouristen aus den Niederlanden

Die Flussberge bei Dinant sind zum Teil kahle Felsen, an denen sich Kletterer austoben. Die Landschaft ist hier nicht mehr wie bei Liège industruiell geprägt, sondern recht attraktiv, touristisch aber kaum erschlossen: Nur ab und zu sieht man Freizeitkapitäne mit ihren Motoryachten auf der Maas. In Hastière ist die Uferstraße Uferstraße nach Givet gesperrt, eine kleine Umleitung (déviation) in Richtung Florennes ist allerdings ausgewiesen. Ich bin erst einmal unentschlossen und versichere mich bei einem Ortskundigen, dass ich auf der Uferstraße wirklich nicht weiterkomme. Währenddessen kommt ein belgischer Reiseradler an, der auch nach Givet möchte. Er lässt sich ebenfalls erklären, dass er die Umleitung nehmen muss und ist ganz aus dem Häuschen, als er meine Tretmühle sieht. Höflich fragt er mich, ob er mich mitsamt Fahrrad ablichten dürfe und ich stimme zu. Nun muss er auch noch für mich ein Foto mit meiner Kamera schießen.
 

Als Alleinreisender kommt man ja sonst nicht selber auf die Fotos. Nach kurzem aber anregendem Gespräch verabschieden wir uns herzlich und ich erklimme die in Richtung Florennes führende Straße, die das Maastal verlässt. Als ich schließlich in Givet eintreffe, habe ich Belgien fast unbemerkt verlassen und befinde mich in der "Grande Nation" im Département "Ardennes". Das bedeutet, dass ich mir im nächsten größeren Ort mal wieder die einheimische Währung besorgen muss. Der nächste Ort, den ich erreiche, ist Aubrives: Sehr klein und pittoresk direkt an der Maas gelegen. Leider kann man ab hier nicht mehr im Flusstal weiterfahren und so setze ich mich nach einem kleinen Imbiss in Richtung Nationalstraße in Bewegung, die mich nach Haybes führt. In diesem kleinen Ort, der malerisch an einer Flusswindung liegt, halte ich an, um eine Bank aufzusuchen. Ein Junge sagt mir nach kurzer erfolgloser Suche jedoch, dass erst in Fumay, dem nächsten etwas größeren Ort, eine Bank ist.
 

Unverrichteter Dinge mache ich von der Kirche noch ein Foto und setze mich dann in Richtung Fumay in Bewegung. Dort angekommen, hole ich mir endlich französische Franc bei der Bank "Crédit Agricole", die ja ein eigenes Rennrad-Team in die Tour de France schickt. Mit dem gerade abgehobenen Geld suche ich sofort den nächsten "supermarché" auf, um neue Getränke zu bunkern. Als ich wieder herauskomme, werde ich von einer Schar neugieriger Jungen umringt. Unaufhörlich stürmen sie mit immer neuen Fragen zum Liegerad auf mich ein. Als einer von ihnen mein Lufthorn findet ("le klaxon") sind sie erst recht aus dem Häuschen und jeder von ihnen will jetzt mindestens einmal hupen. Ein Junge fragt sogar nach einer Probefahrt, aber ich mache ihm begreiflich, dass seine Beine für das Rad zu kurz sind. Selbst wenn der Junge mit den Füßen an die Pedale käme, wäre das Risiko zu groß, dass er sich verletzen oder das Rad zu Schrott fahren könnte. Damit die Bande mich endlich wegfahren lässt, muss ich nochmal laut hupen. Dann bin ich auf dem Weg zu meinem heutigen Etappenziel Revin. Dieser Ort gleicht einer Insel, da die Meuse (französische Bezeichnung der Maas) hier in einer weit ausholenden Schleife fließt. So wie in Haybes muss ich zur Ortseinfahrt eine Brücke überqueren, dann suche ich direkt das "office du tourisme" auf, um mir eine Unterkunft vermitteln zu lassen.
 

Revin, "Rue du Quai"  Revin an der Meuse

Da auch in Revin nicht viele Hotels bzw. Gasthäuser mit Zimmervermietung ansässig sind, nehme ich den Vorschlag der netten Dame an, im Hotel "Le François Premier" zu nächtigen. Der Preis ist mit FF 200 recht günstig und es hat sogar einen Fahrradkeller. Außerdem habe ich das Glück, ein Zimmer mit Blick auf den Fluss zu bekommen. Abends gehe ich zu Fuß noch auf Entdeckungstour, unter anderem, um ein Restaurant mit vegetarischer, fahrradtauglicher Kost zu finden. Ich fotografiere ein wenig und finde schließlich ein Schnellrestaurant (Snack Bar) in dem ich Pommes frites mit Rührei esse. Na ja, das ist zwar nicht die optimale Basis für den am nächsten Tag anstehenden "Ritt" aus den Ardennen heraus, schmeckt aber gut. Wieder zurück im Hotelzimmer, schaue ich mir schon einmal die Karte an, um am nächsten Morgen zügig aus Revin und dem Tal der Meuse heraus zu kommen. Die Meuse fließt von Revin aus in südöstliche Richtung und ich muss mich südwestlich, zunächst in Richtung Rocroi und schließlich in Richtung Laon, meinem nächsten Etappenziel, halten.
 

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© 11.02.2001  Carsten Kompa  carsten.kompa@witten.org