Nachdem ich schon das Ortsende erreicht habe und Vaals nochmal in Gegenrichtung
durchfahre, finde ich endlich die richtige Abbiegung: Belgien ich komme!
Noch bevor ich Vaals verlasse, geht es schon mächtig bergauf: Von
wegen "Niederlande"! Das soll sich bis Liège auch nicht ändern:
Ein stetes Auf und Ab durch eine sehr reizvolle Landschaft erwartet mich.
Da man den Schwung der Abfahrt in der Regel zum Erklimmen des nächsten
Hügels nutzen kann, ist das Klettern nicht ganz so beschwerlich: Das
Gepäck mit einem Gewicht von ca. 16 kg schiebt dabei ganz schön.
Vorsicht ist bei dieser Fahrtechnik des "Bergab-und-Bergauf-Bretterns"
in Belgien aber angebracht, weil sich die meisten Straßen in einem
desolaten Zustand befinden (Schlaglöcher und Bodenwellen). Das merke
ich, als ich einem Schlagloch nicht mehr ausweichen kann. Die Federgabel
schluckt das Loch nur zum Teil, so dass ich auch noch einen leichten Schlag
abbekomme. Das ist jetzt schon das zweite "Attentat" auf meinen Lieger.
Das Vorderrad läuft zum Glück noch rund, weder sind Speichen
gebrochen noch ist die Felge verformt. Ich möchte gar nicht wissen,
was auf einem ungefederten Rad passiert wäre... . So gewarnt, werden
die nächsten Abfahrten etwas vorsichtiger angegangen. Ich radle also
zunächst nach Plombières, von dort der N608 folgend nach Aubel.
Nachdem ich den Ortskern durchfahren habe und wie ein Außerirdischer
bestaunt worden bin, fahre ich auf der N642 in Richtung Blégny weiter.
In einem schönen kleinen Tal stoße ich auf die "Abbaye de Val
Dieu", eine alte Klosterkirche. Leider erlaubt mir mein straffer Zeitplan
nicht, mir die Kirche von innen anzusehen, also mache ich wenigstens einen
Schnappschuss von ihrem Äußeren. An der nächsten Kreuzung
bin ich erst nicht sicher, ob ich geradeaus fahren oder rechts abbiegen
soll. Schließlich fahre ich geradeaus, obwohl es steil bergauf geht
und die Straße sehr schlecht ist. Später sollte sich herausstellen,
dass ich doch besser rechts abgebogen wäre :-( . Nach kurzem aber
heftigem Anstieg erreiche ich eine kleine Ansiedlung, die ich rechts liegen
lasse und komme nach einem kleinen Umweg schließlich über Julémont
und Mortier nach Blégny. Dort hole ich mir am Geldautomaten erst
einmal belgische Francs, um meinen Getränkevorrat zu ergänzen
und das Abendessen sowie eine Übernachtung bezahlen zu können.
An der nächsten Kreuzung hinter Blégny bin ich wieder unschlüssig,
ob ich geradeaus fahren oder links abbiegen soll. Geradeaus verläuft
eine kleine Straße zum Fort Barchon, links geht es auf eine Schnellstraße
nach Fléron, einem Vorort von Liège. Ich entscheide mich,
geradeaus zu fahren und mir kurz das Fort anzuschauen.
Am Eingang wird die Geschichte der Festung in französisch und in deutsch beschrieben. In den Mauern sind überall Granateinschläge zu erkennen. Nach diesem Beschuss ist es absolut nicht verwunderlich, dass sich die belgische Besatzung ohne großen Widerstand den deutschen Angreifern ergeben hat. Ich komme mir etwas beschämt vor, obwohl ich mit dieser Sache ja nichts zu tun habe. Im Innenhof des Forts treffe ich auf zwei Belgier. Einer von Ihnen ist auch Besucher und holt ein MTB aus dem Wagen, der andere will eine Feier vorbereiten (ein Bierzelt ist schon aufgebaut). Die beiden sprechen mich ob meines merkwürdigen Fahrzeugs an und wir kommen ins Gespräch, soweit meine nicht mehr ganz taufrischen Französischkenntnisse aus der Schule es zulassen. Ich versuche also zu erklären, was das für ein "Ding" ist, wie es sich fährt ("très confortable et vite", also sehr bequem und schnell). Ich erzähle von meinem Vorhaben, mit dem Rad nach Paris zu fahren, um die letzte Etappe der Tour de France 2000 live zu erleben. Wir plaudern etwas über die Favoriten Lance Armstrong und Jan Ullrich, der zu fett war ("gras") und erst abspecken musste, um an der Tour teilzunehmen. Danach zeigt mir der eine Belgier ein Original-Bajonett aus dem ersten Weltkrieg, das wohl als Ausstellungsstück dienen soll. Mir wird ganz anders bei dem Gedanken, dass sich um 1915 zivilisierte Europäer gegenseitig mit solchen Mordinstrumenten abgestochen haben. Der Besucher bietet mir an, zusammen per Rad das Fort zu erkunden. Leider heisst es auch diesmal: "Pas de temps" (Keine Zeit) und ich mache mich nach einem kleinen Picknick in Richtung Fléron auf den Weg. Dabei denke ich mir, dass dieser Teil Belgiens sicher eine eigene Reise wert ist, um in Ruhe etwas mehr von Land und Leuten zu Gesicht zu bekommen.
Jetzt befinde ich mich auf der leider sehr stark befahrenen N3, da ich nicht mehr die Zeit habe, mir eine ruhigere Strecke (Umweg) nach Liège zu suchen. Später stellt sich heraus, dass man Liège besser links (oder rechts) "liègen" lässt, weil die Stadt und ihre nähere Umgebung alles andere als fahrradfreundlich ist. Die Stadt erinnert etwas an Duisburg, als dort noch die Schwerindustrie blühte und die Stadt hässlich und schmutzig war. Da meine Getränkevorräte zur Neige gehen, beschließe ich, den nächsten Supermarkt bzw. Lebensmittelladen anzusteuern. Nach mehreren Kilometern kommt endlich ein Laden, in dem ich für umgerechnet DM 10,- (in Worten: zehn deutsche Mark) zwei Liter Apfelsaft erstehe. In ganz Belgien scheint es keine Apfelbäume zu geben, ist mein erster Gedanke, als ich das Preisschild sehe. Mangels Auswahl "beisse ich also in den sauren Apfel" und fülle meine beiden Trinkflaschen mit dem edlen Tropfen.
Liège selbst ist nicht sehr spannend. Breite Straßen, viel Autoverkehr, keine Radwege und viele, Radfahrer nervende, echte Einbahnstraßen. Die Straßen in unmittelbarer Nähe der Maas sind autobahnmäßig ausgebaut, von Radwegen keine Spur (ausser einem rudimentären, ca. 200 m langen Radweg, der im Nichts endet). Da ich nicht unbedingt in diesem Moloch übernachten möchte, beschließe ich, noch ein wenig in Richtung Westen an der Maas entlang zu fahren und mir in einem kleineren Ort eine Unterkunft zu suchen. In St. Nicolas frage ich nach einem Hotel, aber ein solches scheint es hier nicht zu geben. Auch in Amay, dem nächsten Ort an der Maas, ist kein einziges Hotel. Die Gegend ist eben eine ausgeprägte Industrieregion und hat mit Tourismus wenig am Hut. An einer Kneipe treffe ich auf eine Runde zechender Belgier, die mich auf den nächsten Ort, Huy, verweist. Also wieder rauf auf die "Autobahn" (offiziell "route de grand trafic" also Hauptverkehrsstraße). Der "trafic" ist in der Zeit zwischen 17 und 18 Uhr naturgemäß nicht unerheblich :-( . Beim Anblick der Kohle- und Abraumhalden kommt richtiges "Ruhrpott-Feeling" auf und ich frage mich, warum ich nicht einfach zu Hause geblieben bin ;-) . Wahrscheinlich deshalb, weil ich hier nur durchreise (-rase) und außerdem zu Hause mit dem Lieger nicht die Autobahn benutzen darf (wozu ich schon immer Lust hatte) ;-)) .
In Huy soll es ein Hotel namens "hôtel du fort" geben, das hinter einer Brücke rechts, unterhalb eines ehemaligen Forts liegt ("Vous allez toujours tout droit, puis vous traversez un pont et derrière le pont vous tournez à droite."). Am Ortseingang halte ich an, weil dort schon ein Hotel direkt an der Hauptstraße ist, das allerdings nicht sehr vertrauenswürdig aussieht. Als ich mich vom Sitz erhebe, taucht ein Radler auf, der in meine Richtung fährt. Er hält an und wir kommen (ausnahmsweise mal in Englisch) ins Gespräch: Er bestaunt mein Liegerad und ich erzähle von meiner Suche nach einer Unterkunft. Wenig später erscheint seine Lebensgefährtin auf dem Rad. Falls ich im "hôtel du fort" kein Zimmer bekäme, könne ich bei den beiden übernachten. Ich erfahre, dass bei Ihnen noch vor kurzem ein Radler aus Neuseeland übernachtet hat. Ich bedanke mich herzlich für die angebotene Gastfreundschaft und notiere mir für den Fall der Fälle die Telefonnummer.
Weil ich schon sehr müde bin, beschließe ich das nahegelegene
"hôtel du fort" aufzusuchen und nicht mehr mit den beiden mitzuradeln.
Im Nachhinein wäre es wohl besser gewesen, doch mitzufahren, weil
sich das Hotel als äußerst primitiv herausstellt (bis auf den
Fernseher mit Sat-Anschluss), aber trotzdem nicht billig ist (ca. 2000
belgische Francs = DM 100,- pro Nacht). Am Hotel angekommen, parke ich
meinen Lieger neben einem Motorrad und werde auch schon vom Hotelier begrüßt.
Er gibt mir zu verstehen, dass ich das Rad nicht abschliessen müsse,
weil ich es in der hoteleigenen Garage unterbringen kann. Eine unfreundliche
Hotelangestelle führt mich zu zwei freien Zimmern, von denen ich das
hintere, bis auf eine Dachluke fensterlose, Zimmer auswähle, um dem
Straßenlärm zu entgehen. Sie gibt mir sofort zu verstehen, dass
ich auf dem Zimmer nicht essen dürfe, als Sie meinen "Fressbeutel"
erspäht, den ich nicht in der Garage gelassen habe. In diesem Moment,
denke ich bei mir: "Jetzt erst recht!", sage aber beschwichtigend "Oui,
je comprends." (Ja, ich verstehe). Ich lasse mir doch nicht vorschreiben,
was ich auf dem Zimmer mache. Der Gedanke liegt nahe, dass das Hotelrestaurant
wohl teuer und/oder ziemlich schlecht sein muss, wenn einem das Essen auf
dem Zimmer untersagt wird. Dank des Fernsehers mit Sat-Anschluss kann ich
noch das Ende der Tour-Etappe am "lac Léman" (Genfer See) verfolgen.
Als ich dann frisch geduscht und hungrig um ca. 21 Uhr im Hotelrestaurant
nach der Speisekarte frage, erhalte ich vom Hotelier die enttäuschende
Auskunft, dass das Restaurant leider nur bis 20:30 Uhr warme Speisen serviert.
Schade eigentlich, jetzt werde ich ja gewissermaßen dazu gezwungen,
zur Konkurrenz zu gehen oder meinen Fressbeutel auf dem Zimmer zu leeren
;-) .
Direkt nebenan befindet sich zum Glück schon ein gutes italienisches
Restaurant in dem ich meine Kohlenhydratspeicher für den nächsten
Tag mit reichlich "Tortellini à quatre fromages" wieder auftanke.
Nach dem Essen ziehe ich noch etwas durch den Ort. Da es schon stockdunkel
ist, hat sich das Fotografieren fast erledigt. Nur das beleuchtete Rathaus
lässt sich noch halbwegs ablichten. Am nächsten Morgen nehme
ich das durchaus genießbare, aber nicht mit einem reichhaltigen Frühstück
zu verwechselnde "petit déjeuner" ein, freue mich über das
weiterhin gute Wetter und setze mich nach kurzer Verabschiedung von den
interessierten Gästen mittels Airzound-Lufthorn in Richtung Namur
in Bewegung.
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